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Rubrik: Szene

Antarktis: Zehn Jahre „Bibliothek im Eis"

Samstag, 17. Januar 2015, 09:27

Die südlichste Bibliothek Deutschlands liegt auf 70°40´S, 08°16´W und steht seit nunmehr zehn Jahren in einer der unwirtlichsten Regionen der Erde

Kaiserpinguin

Ein neugieriger Kaiserpinguin betrachtet den Bibliotheks-Container, Foto: Lutz Fritsch

Im Südsommer 2004/2005 schuf der Kölner Künstler Lutz Fritsch auf dem antarktischen Ekström-Schelfeis die „Bibliothek im Eis“ – um dort in der Weite des „weißen Kontinents“ einen Raum für den Austausch zwischen Wissenschaft und Kultur zu schaffen. Seitdem ist der Bibliothekscontainer samt seiner Büchersammlung ein fester Bestandteil der Neumayer-Station des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Welche Bücher dort stehen, wissen allerdings nur der Künstler und die Bewohner der Neumayer-Station – und das soll so bleiben.

Auf den Kirschholz-Regalen des grünen, isolierten Containers stehen heute knapp 700 Bücher. Jedes Jahr kommen neue Romane, Sachbücher, Bildbände und Biografien hinzu – jedes eine Spende eines bekannten oder aufstrebenden deutschen Künstlers, Schriftstellers, Musikers oder Wissenschaftlers jeglicher Disziplin. In ihren persönlichen Widmungen erläutern sie, warum sie gerade dieses Buch ausgewählt haben und es den Menschen, die an der antarktischen Forschungsstation überwintern, an die Hand geben möchten.

Welche Bücher in den Regalen stehen und wer sie gestiftet hat, das wissen nur die Wissenschaftler und Techniker vor Ort und natürlich Lutz Fritsch. Der Künstler und Initiator der „Bibliothek im Eis“ hat jeden Stifter persönlich angeschrieben und um ein Buch gebeten. „Jedes Buch ist ein sehr persönliches Geschenk an die Überwinterer der Forschungsstation. Teil der Idee der ‚Bibliothek im Eis' ist es deshalb auch, sowohl den Schenker, als auch sein ausgewähltes Buch geheim zu halten. Für uns hier bleibt die Bibliothek so fiktiv, doch für die Wissenschaftler vor Ort ist sie real und birgt eine sehr spezielle Büchersammlung, die genau für diesen einen einmaligen Ort bestimmt ist“, erklärt Lutz Fritsch.

Von der Idee zur Umsetzung

Lutz Fritsch

Künstler Lutz Fritsch steht vor der „Bibliothek im Eis“., Foto: Lutz Fritsch

Die Idee zur „Bibliothek im Eis“ kam Lutz Fritsch auf seiner ersten Expedition in die Antarktis in der Sommersaison 1994/1995. Als erster deutscher Künstler reiste er an Bord des Forschungseisbrechers Polarstern an die damalige Neumayer-Station des Alfred-Wegener-Instituts. Die Labore und Wohnräume der alten Station – der zweiten Neumayer-Station – lagen komplett unter dem Eis. „Ich wollte deshalb einen geschützten Raum auf dem Eis schaffen, in dem die Bewohner der Forschungsstation in die Weite des Schelfeises blicken können. Ich wollte ihnen ermöglichen, hier die Ruhe und Inspiration zu finden, um über die Natur, die Zivilisation, Wissenschaft und Kultur nachzudenken“, erzählt der Künstler.

Zehn Jahre später war es soweit: Zum Jahreswechsel 2004/2005 fuhr Lutz Fritsch zum zweiten Mal in die Antarktis. Diesmal um sein Kunstprojekt „Bibliothek im Eis“ aufzubauen. Den isolierten Container, der die Bibliothek beherbergen sollte, hatte das Alfred-Wegener-Institut Lutz Fritsch für sein Vorhaben zur Verfügung gestellt und in die Antarktis transportiert.

Der Künstler hatte mit finanzieller Unterstützung privater Sponsoren den Container bereits in Köln mit Bücherregalen, Beleuchtung, Tisch und Ledersofa ausgestattet und die Außenwände in den Farbtönen Maigrün, Smaragdgrün, Gelbgrün und Laubgrün lackiert, Dach und Boden in rot. „Ich habe lange über die richtige Farbe für die Bibliothek nachgedacht, bis mir klar wurde, dass er nur grün sein konnte. Grün gibt es in der Antarktis einfach nicht: Das Eis ist weiß, mal grau, mal blau, die Schutzanzüge der Polarforscher rot. Somit erschien Grün mir als die Sehnsuchtsfarbe der Überwinterer“, sagt Lutz Fritsch.

Die Bibliothek im Stationsalltag

Bibliothek im Eis

Kirschholzregale, Ledersofa und Teppich: Künstler Lutz Fritsch wollte einen gemütlichen Rückzugsort schaffen, fernab des Alltags an der Forschungsstation, Foto: Foto: Lutz Fritsch

Der grüne Container ist seitdem ein fester Bestandteil der Forschungsstation geworden. So ist der Stationsleiter jedes Überwinterungsteams beispielsweise auch automatisch Bibliothekar. Und als im Jahr 2009 die Neumayer-Station III eröffnet wurde, zog auch die „Bibliothek im Eis“ auf dem Schelfeis um. Die neue Station liegt zwar nicht mehr unter dem Eis, dennoch trennen die Station und die Bibliothek immer noch ein Fußweg von 100 Metern. „Die Überwinterer sollen bewusst den Weg von der Wissenschaft zur Kultur gehen“, sagt Lutz Fritsch.

Für einige Stationsbewohner ist die „Bibliothek im Eis“ vor allem ein Rückzugsort geworden – so zum Beispiel für Holger Schmithüsen. Der Klimawissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts überwinterte im Jahr 2010 an der Neumayer-Station III. „Für mich war die Bibliothek ein kleiner Außenposten, ein Ruheraum, wenn man so will. Man hat zwar im Winter auch auf der Station genug Ruhe, aber es ist ein etwas anderer Ort, abseits vom Tagesgeschäft“, erzählt Holger Schmithüsen. Infos: www.awi.de.

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