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Rubrik: Umwelt

Dorsch-Bestand in der Ostsee vor dem Zusammenbruch

Freitag, 15. Juli 2016, 09:59

Der Dorsch ist der große Raubfisch der Ostsee und zudem der Brotfisch der deutschen Küstenfischer. Jetzt steht der westliche Dorsch-Bestand vor dem Zusammenbruch, und die Folgen für die Fischerei sind gravierend. Wissenschaftler empfehlen dringend, die Fangmenge deutlich zu kürzen: um 87 Prozent

Dorsch

Ein gefangener Dorsch in einer Reuse, Foto: © Elisabeth Knoll/Archiv Taucher.Net

„Hier zeigen sich die hässlichen Folgen von konsequenter Überfischung. Der Fischereidruck auf den Dorschbestand ist seit über 20 Jahren ununterbrochen zu hoch. Große, ältere Dorsche, die besonders viel Nachwuchs produzieren, fehlen jetzt im Bestand fast völlig“, kritisiert Stella Nemecky, WWF-Fischereiexpertin

Der Nachwuchsjahrgang 2015 ist äußerst schwach, nahe an einem Totalausfall. Deshalb mussten jetzt die Annahmen zur Bestandserholung und die wissenschaftliche Empfehlung für Höchstfangmengen angepasst werden. „Eine drastische Kürzung der Fangquote wurde über Jahre vermieden, immer mit dem Verweis auf die sozio-ökonomischen Folgen für die deutschen Küstenfischer. Das ist verständlich, hat aber auch genau in die jetzige Sackgasse geführt. Die erforderlichen, leider drastischen Kürzungen ein weiteres Mal aufzuschieben, wäre der Sargnagel für Fischbestand und Fischerei“, warnt Nemecky.

Würden die Fangmengen wieder über den wissenschaftlichen Empfehlungen angesetzt, bestehe die Gefahr, die Fischerei ab nächstem Jahr komplett schließen zu müssen, womöglich auf unbestimmte Zeit. Ein Beispiel für ein solches Schreckensszenario ist Neufundland Anfang der 1990er Jahre: Dort brachen erst die Kabeljaubestände und dann die Fischerei komplett zusammen, und bis heute ist der Kabeljau nicht in die Gewässer zurückgekehrt.

Dorsch

Dorsch, Foto: © Andreas Noack/Archiv Taucher.Net

In der Ostsee hat der Dorsch neben der professionellen Küstenfischerei noch weitere Jäger: Auch Freizeitangler fangen u.a. auf Hochseetouren so viele dieser Fische, dass der ICES (Wissenschaftlicher Rat zur Erforschung der Meere) die Fänge erstmals auf Wunsch der EU-Kommission berücksichtigt und für den Angelsektor „beiseitegelegt“ hat. 2.558 Tonnen Dorsch ziehen Angler in Deutschland durchschnittlich jedes Jahr aus der Ostsee. Berücksichtigt man dies, bleibt für die kommerzielle Fischerei in 2017 noch eine Höchstfangmenge von 917 Tonnen Dorsch aus dem westlichen Bestand, die primär zwischen deutschen, dänischen und schwedischen Fischern aufgeteilt wird. Die Wissenschaftler empfehlen dem gesamten Dorsch-Bestand nicht mehr als 3.474 Tonnen zu entnehmen.

„Die Angelfischerei wirkt sich gravierend auf den schrumpfenden Dorsch-Bestand aus, ist aber bis auf eine Mindestgröße für Fisch überhaupt nicht reguliert. Auch der Angelsektor muss substantiell am Wiederaufbau des Dorschbestandes beteiligt werden“, fordert Nemecky. Die vom Deutschen Angelfischer-Verband vorgeschlagene Selbstverpflichtung sei zwar sehr zu begrüßen, gehe jedoch nicht weit genug. Wenn die Kontrolle ernst genommen wird, kann ein tägliches Fang-Limit für jeden Angler eine sehr wirksame Maßnahme sein. In anderen Fällen wird das bereits praktiziert: Für Wolfsbarsch u.a. in der Nordsee hat der Europäische Dachverband der Angler ein Fang-Limit von zwei Fischen pro Tag und Angler vorgeschlagen. Darüber hinaus fordert der WWF einen wirksamen Schutz von Dorschen, während sich die Tiere zum Ablaichen versammeln. Eine solche saisonale Schließung der Fischerei müsse natürlich für Angler und Fischer gleichermaßen gelten.

Infos: www.wwf.de.

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