TauchJournal - abtauchen im netz
RSS-Feed TauchJournal aud Facebook
» News » Wissenschaft » Fische als Trojanische Pferde

Rubrik: Wissenschaft

Fische als Trojanische Pferde

Freitag, 2. Juni 2017, 09:29

Seit einiger Zeit verbreiten sich einzellige Meeresbodenbewohner aus dem Indopazifik im Mittelmeer – und dies anscheinend unabhängig von herkömmlichen Wegen wie dem Schiffsverkehr. Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat jetzt einen möglichen Invasionsweg gefunden: im Darm von Fischen, die ebenfalls aus dem Indopazifik ins Mittelmeer gelangt sind

Kaninchenfisch

Ein Kaninchenfisch der Art Siganus rivulatus vor der Küste Israels im Mittelmeer, Foto: © Erez Yeruham, IOLR

Ein Forschungsteam unter Beteiligung des GEOMAR hat eine neue Verbreitungsform von nicht-heimischen Arten in fremde Ökosysteme entdeckt. Das Team bestehend aus Wissenschaftlern aus Israel, Deutschland und den USA hat das Vorkommen einzelliger Meeresorganismen, den sogenannten Foraminiferen, im Mittelmeer untersucht. Foraminiferen können mikroskopisch klein oder einige Zentimeter groß sein und besiedeln unter anderem den Meeresboden. Pflanzenfressende Fische verschlucken sie zum Teil versehentlich während ihrer Nahrungsaufnahme. Es scheint, dass diese Kleinstlebewesen die Passage durch den Magen-Darm-Trakt der Fische oft überleben und somit während der Wanderung der Fische von einem Ort zum Nächsten transportiert werden können. Das beschreiben die Forschenden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Limnology and Oceanography Letters.

Kot-Pellet eines Kaninchenfischs

Kot-Pellet eines Kaninchenfischs mit lebenden Foraminiferen, Foto: © Tamar Guy-Haim, GEOMAR

„Invasive Arten stellen mittlerweile ein weltweites Problem dar, welches besonders – aber anscheinend nicht ausschließlich – von der ausgeprägten Mobilität der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt wurde“, erklärt die hauptverantwortliche Wissenschaftlerin der Studie, Tamar Guy-Haim.

Durch die Kombination aus Feldarbeit in den Jahren 2015/16 und Archiv-Recherche wurden die Meeresforscher auf einen interessanten Zusammenhang aufmerksam. Kaninchenfische und bestimmte Foraminiferenarten aus dem Indo-Pazifik breiteten sich nachweislich parallel in fremden Lebensräumen aus. „Auch das Mittelmeer ist von dieser Doppelinvasion betroffen. Wir wollten wissen, warum“, sagt Guy-Haim.

In Magen- und Kotproben von frisch gefangenen Kaninchenfischen aus dem Mittelmeer sowie aus präparierten Exemplaren in Museen konnte das Team die kleinen Einzeller schließlich nachweisen – teilweise lebendig. „Die sogenannte Ichthyochory, der Transport lebender Organismen durch den Magen-Darm-Trakt von Fischen, ist aus Süßgewässern bekannt. Das Phänomen wurde aber noch nicht in Verbindung gebracht mit der zum Teil erstaunlich schnellen Verschleppung von Tieren und Pflanzen im Meer, vor allem nicht von am Meeresboden lebender Arten. Doch offenbar fungieren Fische im Mittelmeer tatsächlich als trojanische Pferde“, erläutert Tamar Guy-Haim.

Foraminifere

Eine lebende Foraminifere der Art Amphistegina lobifera, die aus einem Kot-Pellet eines Kaninchenfischs isloiert wurde, Foto: © Tamar Guy-Haim, GEOMAR

Bisher galten vor allem der Tourismus, die Aquakultur und die Handelsschifffahrt als Wegbereiter für den Transport von Arten von einem Lebensraum zum anderen. Speziell das Mittelmeer hat aber auch durch die Eröffnung des Suezkanals 1869 viele neue Arten aus dem Roten Meer und dem Indischen Ozean hinzugewonnen. Ein Gewinn für den heimischen Artenreichtum ist das nicht immer, da angestammte Organismen häufig durch die Zuwanderer verdrängt werden. Ein aktuelles Beispiel ist die Ausbreitung des Rotfeuerfisches vor Zypern, ein gefräßiger Räuber, der die Artenvielfalt bedroht – wir berichteten.

„Fremde Arten können Einheimischen gegenüber einige Vorteile haben. Sie haben potentiell keine Fressfeinde, da sie diesen unbekannt sind. Sie bringen eventuell Krankheitserreger mit, die ansässige Spezies befallen und deren Zahl verringern. Auch der Klimawandel kann zu Veränderungen im heimischen Lebensraum führen, mit denen der Neuankömmling eventuell besser zurechtkommt“, so Guy-Haim.

Infos: www.geomar.de.

Link zur Studie: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/lol2.10039/abstract;jsessionid=FE5C1708B84B0AF214ABDF260FFEDBF6.f02t01.

Schlagwörter: , , ,

Kurzlink:


TauchJournal-News per Mail abonnieren

RSS-Feed abonnieren RSS-Feed

Diesen Artikel weiterempfehlen:

ANZEIGE Mares

Untergegangen und vergessen – Die Wracks des Seegefechts bei Helgoland von 1914

Donnerstag, 31. August 2017, 09:08

Kleiner Kreuzer SMS Ariadne (Foto: Sammlung Deutscher Marinebund) Erste wissenschaftliche Untersuchungen an vier versenkten deutschen Schiffen in der Nordsee nach über 100 Jahren angelaufen Helgoland. Es war der 28. August 1914, der für vier Schiffe der Kaiserlichen Marine zum Verhängnis wurde. Der Erste Weltkrieg dauerte gerade knapp vier Wochen, als es nahe Helgoland zum ersten größeren Seegefecht zwischen der deutschen und der britischen Flotte kam. Für die Kaiserliche Marine war...

... mehr »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.