TauchJournal - abtauchen im netz
RSS-Feed TauchJournal aud Facebook
» News » Wissenschaft » Milliarden Jungfische unter dem arktischen Meereis

Rubrik: Wissenschaft

Milliarden Jungfische unter dem arktischen Meereis

Mittwoch, 14. Oktober 2015, 10:52

Mit einem neuen Fanggerät ist es Meeresbiologen des Alfred-Wegener-Institutes erstmals gelungen, Polardorsche direkt unter dem arktischen Meereis zu fischen und im Anschluss ihre Verbreitung und Herkunft zu ermitteln. Diese Daten sind von großer Bedeutung, weil der Polardorsch als Nahrung für Robben, Wale und Seevögel eine zentrale Rolle im Nahrungsnetz der Arktis spielt. Die neue Studie, zeigt, dass sich unter dem Eis ausschließlich Jungtiere aufhalten. Die Forscher fürchten, dass dieser wichtige Lebensraum im Zuge des Klimawandels verloren gehen könnte

Polardorsch

Der Polardorsch (Boreogadus saida) in der Arktis, Foto: © Alfred-Wegener-Institut/Hauke Flores

Belugas, Narwale, Ringelrobben und zahlreiche Seevogel-Arten der Arktis haben eines gemein: Sie ernähren sich am liebsten vom Polardorsch Boreogadus saida. Der Fisch zählt damit zu den ökologisch bedeutendsten Tierarten des Arktischen Ozeans. Trotz dieser Schlüsselrolle ist das Wissen über ihn noch immer lückenhaft. Biologen wissen zwar seit Jahren, dass sich unter dem arktischen Meereis junge Polardorsche aufhalten. Wie viele dort leben oder woher sie kommen, aber war bislang völlig unklar. Wichtige neue Ergebnisse liefert jetzt eine Publikation im Fachmagazin Polar Biology, an der neben Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) auch Wissenschaftler der Universität Hamburg und des niederländischen Forschungsinstitutes IMARES beteiligt waren.

„Es ist uns erstmals gelungen, mit einem Spezialnetz direkt unter dem Eis Polardorsche in größerer Zahl zu fischen und so die großräumige Verbreitung der Fische abzuschätzen. Rechnet man die Ergebnisse hoch, könnten unter dem Meereisdeckel der östlichen Arktis mehr als neun Milliarden Polardorsche leben. Darüber hinaus konnten wir fundamentale biologische und physikalische Daten erfassen", sagt AWI-Biologin und Erstautorin Carmen David.

SUIT-Netz

Das SUIT-Netz im Einsatz in der Antarktis, Foto: © Jan van Franeker – IMARES

Die Daten wurden im Sommer 2012 während einer mehrwöchigen Arktis-Expedition mit dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ gewonnen. An 13 Stationen zwischen Grönland, Spitzbergen und Russland zogen die Wissenschaftler ein speziell entwickeltes Unter-Eis-Netz kilometerweit neben dem Schiff her. Das Netz ist etwa PKW-groß und so konstruiert, dass sein großer Rahmen bei jedem Fischzug unter das Meereis taucht. Schwimmkörper drücken es dann Richtung Wasseroberfläche und somit direkt unter die Eisschollen. Zudem ist dieses „SUIT“ (Surface and Under Ice Trawl) genannte Schleppnetz mit einer Kamera und verschiedenen Messgeräten ausgestattet, die unter anderem Eisdicke, Temperatur und Salzgehalt messen.

Auf diese Weise gelangen den Wissenschaftlern Fänge, die vollkommen neue Einblicke in den Lebenskreislauf des Polardorsches erlauben. „Bis zu unserer Expedition hatte es nur punktuelle Fänge oder Beobachtungen einzelner Polardorsche gegeben, die Taucher unter dem Eis gemacht hatten", sagt Carmen David. „Jetzt wissen wir: Direkt unter dem Eis leben vor allem ein bis zwei Jahre alte Jungfische, die sich unter anderem von Flohkrebsen ernähren. Da sich einige der Polardorsche unter Überhängen und in Spalten unter dem Eis aufhalten, haben wir mit dem Netz wahrscheinlich nicht alle Polardorsche fangen können – das heißt, dass die Polardorsch-Population unter dem Eis vielleicht sogar noch größer ist, als unsere Zahlen nahelegen."
Um herauszufinden, woher die jungen Polardorsche stammen, haben die Wissenschaftler Satellitendaten und Computermodelle genutzt, mit denen die langsame Bewegung des treibenden Meereises zurückverfolgt werden kann. Denn schon seit längerer Zeit wird vermutet, dass die jungen Fische mit dem treibenden Eis aus ihren Laichgebieten in die zentrale Arktis gelangen. Diese Laichgebiete befinden sich in den Küstengewässern der nördlich Sibiriens gelegenen Karasee und Laptewsee. Im Herbst bildet sich dort neues Meereis, das der Wind dann langsam Richtung Norden auf das offene Meer hinausschiebt. Die Jungfische, so die Annahme, wandern unter dem Eis mit.

Polareis

Blick auf die Unterseite des arktischen Meereises, Foto: © Alfred-Wegener-Institut/Hauke Flores

„Wir haben die Satellitendaten ausgewertet, um festzustellen, wie schnell und wie weit das Eis in dem betreffenden Gebiet gewandert ist", sagt AWI-Biologe und Ko-Autor Hauke Flores. „Von der Küste bis zu unseren Messstationen im Meer war das Eis zwischen 240 und 340 Tagen unterwegs. Diese Werte decken sich sehr gut mit dem Alter beziehungsweise der Körpergröße der jungen Polardorsche, die wir gefangen haben." Die Ergebnisse zeigen im Detail, dass die westlich gefangenen Fische aus der Karasee, die Tiere von den östlichen Stationen aus der weiter entfernten Laptewsee stammen könnten.

Um herauszufinden, wie gut die Fische unter dem Eis ernährt sind, analysierten die Wissenschaftler das Gewebe der Tiere im Labor. Alle Fische waren in Topform: ein Hinweis darauf, dass es unter dem Eis offensichtlich ausreichend viele Flohkrebse gibt und das Meereis somit eine regelrechte Kinderstube der Polardorsche darstellt. Die neuen Erkenntnisse über die Jungtiere unter dem Eis sind vor allem deshalb wichtig, weil ungewiss ist, wie sich die Bestände des Polardorsches im Zuge des Klimawandels verändern werden. Infos: www.awi.de. Link zur Studie: link.springer.com/article/10.1007/s00300-015-1774-0.

Schlagwörter: ,

Kurzlink:


TauchJournal-News per Mail abonnieren

RSS-Feed abonnieren RSS-Feed

Diesen Artikel weiterempfehlen:

ANZEIGE Mares

Klimawandel bedroht die schönsten Plätze der Erde

Sonntag, 19. November 2017, 10:18

Laut eines von der Weltnaturschutzunion IUCN auf der UN-Weltklimakonferenz in Bonn, Deutschland, veröffentlichten Berichts ist die Anzahl der vom Klimawandel bedrohten Weltnaturerbestätten in nur drei Jahren von 35 auf 62 gestiegen, wobei Klimawandel die am schnellsten wachsende Bedrohung ist Der Bericht „IUCN World Heritage Outlook 2“ – der Nachfolgebericht des „IUCN World Heritage Outlook von 2014“ – bewertet zum ersten Mal, inwiefern sich die Aussichten für die Erhaltung aller 241...

... mehr »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.