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Rubrik: Umwelt, Wissenschaft

Vermittler zwischen Wissenschaft, Naturschutz und Fischerei

Freitag, 25. Juni 2010, 08:02

Bereits 2004 hat Deutschland zehn Meeresschutzgebiete in seiner Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ, 12-200 Seemeilen vor der Küste) als „Natura 2000"-Gebiete bei der EU gemeldet. Damit der Naturschutz in diesen Gebieten keine reine Theorie bleibt, ist Deutschland verpflichtet, bis 2013 Pläne zu erarbeiten, die sicherstellen, dass die Schutzziele erreicht werden. Für die Erarbeitung von Maßnahmen zur ökosystemverträglichen Fischerei in diesen Gebieten hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ein Forschungsprojekt an das interdisziplinär arbeitende Kiel Earth Institute (KEI) vergeben

Schweinswal

Der Schweinswal gehört zu den Arten, die in Nord- und Ostsee geschützt werden sollen, Foto: Sven Gust, BfN

Diplomatie ist zwar kein Teil des Biologiestudiums, doch für den Fischereibiologen Dr. Daniel Carstensen (34) wird sie ein wesentlicher Teil seiner zukünftigen Aufgabe sein. Carstensen arbeitet am Kiel Earth Institute (KEI). Dort soll er im Auftrag des BfN und in Zusammenarbeit mit Fischereiforschungsinstituten Maßnahmen für eine ökosystemverträgliche Fischerei in den Natura 2000-Schutzgebieten in Nord- und Ostsee ausarbeiten. „Das klingt zunächst nach Konflikten. Die Fischerei setzt nicht unbedingt dieselben Schwerpunkte wie der Naturschutz", sagt Carstensen. „Doch das Ziel ist es, gemeinsam Lösungen zu finden, die einen effektiven Schutz von Arten und Lebensräumen gewährleisten, ohne eine ökosystemgerechte Fischerei in den Gebieten auszuschließen."

Die Meeresschutzgebiete, um die es in diesem Projekt geht, liegen in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Deutschlands. Das ist das Seegebiet, das sich außerhalb der eigentlichen Hoheitsgewässer (12-Meilen-Zone) bis zu 200 Meilen vor die Küste oder bis zur AWZ eines Nachbarstaates erstreckt. Im Gegensatz zur 12-Meilen-Zone, die von den angrenzenden Bundesländern verwaltet wird, unterliegt die AWZ der Verwaltung des Bundes. Knapp ein Drittel der Gesamtfläche der deutschen AWZ sind 2004 als Natura 2000-Gebiete unter Schutz gestellt worden. Vier Schutzgebiete liegen in der Nordsee, sechs in der Ostsee. „In diesen Gebieten sollen Sandbänke und Riffe, sowie marine Säugetiere, Wanderfischarten und Seevögel geschützt werden", erklärt Carstensen. „Neben zahlreichen anderen anthropogenen Aktivitäten hat die Fischerei einen wesentlichen, negativen Einfluss auf diese Lebensräume und Arten." So pflügen Grundschleppnetze bestimmte Gebiete in der Nordsee stellenweise 20 mal pro Jahr um und zerstören so empfindliche Lebensgemeinschaften am Meeresboden, auf die viele Fische und Seevögel als Nahrung angewiesen sind. In der Ostsee verfangen sich zahlreiche Seevögel und Schweinswale in den hier häufig eingesetzten Stellnetzen. Es gehe aber nicht darum, jegliche Form von Fischerei in den Natura 2000 Gebieten zu verbieten, so Carstensen. „Wir wollen Konzepte entwickeln, die die Umsetzung der Naturschutzziele in den Natura 2000 Gebieten gewährleisten und gleichzeitig soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen. Dazu können alternative, ökosystemgerechte Fangmethoden oder räumliche und zeitliche Beschränkungen der Fischerei gehören", sagt er. Gerade was die Fischereitechnik angeht, hofft er auf aktive Mitarbeit der Betroffenen: „Fischer wissen schließlich am besten, was in der Praxis funktioniert."

Als Grundlage dient Dr. Daniel Carstensen unter anderem ein bereits abgeschlossenes BfN-Projekt zum „Ökosystemgerechten Fischereimanagement in marinen Schutzgebieten" (EMPAS), das in Kooperation mit dem Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) durchgeführt wurde. Außerdem stützt er sich auf die wissenschaftliche Fachkompetenz am KEI und am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR). Eine Arbeitsgruppe des KEI erstellt gegenwärtig für das BfN ein Nachschlagewerk über geschützte Fische, Meeressäugetiere, bodenbewohnende Kleinlebewesen und Lebensräume der Nord- und Ostsee. Federführend dabei sind unter anderem der Fischereibiologe Dr. Rainer Froese und der Ökologe Professor Martin Wahl (beide IFM-GEOMAR). „Das KEI wurde gegründet, um Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen und ist für dieses Projekt damit der ideale Partner“, so Dr. Christian Pusch, Wissenschaftlicher Angestellter beim BfN.

„Die Aufgabe ist eine große, aber schöne Herausforderung, denn es muss etwas geschehen – im Interesse des Naturschutzes für die Erhaltung von Arten und Lebensräumen sowie im Interesse der Fischer. Denn gerade die Fischerei ist auf intakte Meeresökosysteme und eine nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände angewiesen", resümiert Dr. Carstensen. Infos: www.ifm-geomar.de.

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