TauchJournal - abtauchen im netz
RSS-Feed TauchJournal aud Facebook
» News » Wissenschaft » Wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt weltweite Überfischung

Rubrik: Wissenschaft

Wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt weltweite Überfischung

Mittwoch, 16. September 2015, 08:37

Bestände wildlebender Fische können langfristig nicht durch den Ausbau von Aquakultur vor Überfischung geschützt werden. Wirtschaftliche Faktoren wie die weltweit steigende Nachfrage oder verbesserte Fangtechniken werden in Zukunft zu verstärktem Fischereidruck auf beliebte Speisefische führen. Zu diesem Ergebnis kommen Meeresforscher aus Kiel und Finnland in einer aktuellen Studie

Kabeljau

Kabeljau gehört zu den beliebtesten Speisefischen in Deutschland und Europa – im Bild der junge Kabeljau, auch Dorsch genannt, Foto: © Catriona Clemmesen-Bockelmann, GEOMAR

Wirtschaftswissenschaftler, Fischerei- und Evolutionsbiologen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der finnischen Universität Helsinki haben im Rahmen eines interdisziplinären Projekts berechnet, wie sich Fischfang und Aquakultur bei beliebten Speisefischen wie Wolfsbarsch, Lachs, Kabeljau und Thunfisch in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Die vier zählen zu den wichtigsten Fischarten auf den nordamerikanischen und europäischen Märkten. Lachs und Wolfsbarsch kommen dabei vorwiegend aus der Fischzucht, Kabeljau und Thunfisch aus Wildfängen.

Im Fokus der Studie stand die Frage, wie sich der Zustand wildlebender Fischbestände bis zum Jahr 2048 und darüber hinaus entwickeln wird. Dabei berücksichtigten die Forscher nicht nur biologische Einflussfaktoren, sondern besonders wie sich die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung auf die Fischereien auswirken wird. Die Forscher simulierten dabei vor allem den technologischen Fortschritt in der Fischerei, die weltweit steigende Nachfrage nach Fisch und eine wachsende Versorgung mit Fisch aus Aquakulturen. Außerdem wurde das Wechselspiel dieser Faktoren in verschiedenen Szenarien mit begrenzter Wirksamkeit der Regulierung von Wild-Fischereien untersucht.
„Eine realistische Prognose über die Entwicklung wirtschaftlich wichtiger Wildfischbestände erhalten wir nur, wenn wir neben den biologischen besonders auch ökonomische Faktoren berücksichtigen. Das Ergebnis hat uns überrascht, die wirtschaftliche Entwicklung hat einen viel stärkeren Einfluss auf die Fischbestände als wir erwartet haben“, sagt Erstautor Professor Dr. Martin Quaas von Institut für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Leiter der Forschungsgruppe Nachhaltige Fischerei im Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“.

Aquakulturanlage vor den Färöer-Inseln

Aquakulturanlage vor den Färöer-Inseln, Foto: © Jan Steffen, GEOMAR

Steigende Aquakultur-Produktion kann die wildlebenden Fischbestände zwar entlasten, doch wird dieser positive Effekt voraussichtlich von einer größeren Nachfrage und technischem Fortschritt in der Fischereiwirtschaft überschattet werden – beides übt wachsenden Druck auf die Fischbestände aus. Unter den gegenwärtigen Bedingungen müsste die Aquakultur-Produktion jährlich um 15 bis 24 Prozent steigen, um die Bestände zu sichern – ein aus Sicht der Forscher utopischer Wert. Hinzu kommt das Problem, dass Fische aus Aquakulturzucht häufig mit wild gefangenen Fischen gefüttert werden. „Selbst wenn wir sehr optimistische Raten ansetzen würden und in der Fütterung die Anteile von pflanzlichem Protein erhöhen, würde der Fischereidruck auf Futterfischbestände enorm steigen und vermutlich deren Kollaps bewirken", so Co-Autor Thorsten Reusch vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Eine nachhaltige Nutzung der wildlebenden Fischbestände könnte jedoch durch eine erhebliche Steigerung der Fischereimanagement-Effektivität weit über den heutigen Standard hinaus erreicht werden.

Um den Zusammenbruch der Fischbestände zu verhindern, sehen die Forscher daher die einzige Lösung in einem institutionellen Wandel, der die Wirksamkeit des Fischereimanagements für wildlebende Fischarten deutlich verbessert. Die jüngste Reform der gemeinsamen Fischereipolitik der Europäischen Union halten die Forscher für einen Schritt in die richtige Richtung. Im Zuge der 2013 beschlossenen Reform sollen beispielsweise mehrjährige Bewirtschaftungspläne für weitere Bestände eingeführt werden. Auch sollen in Zukunft strenge Auflagen für die Anlandung von Beifängen gelten. Dringenden Handlungsbedarf sehen die Forscher noch in der Hochseefischerei. Insbesondere müsse eine bessere internationale Koordination bei der Festlegung und Durchsetzung restriktiver Fangquoten erzielt werden. Infos: www.geomar.de.

Schlagwörter: ,

Kurzlink:


TauchJournal-News per Mail abonnieren

RSS-Feed abonnieren RSS-Feed

Diesen Artikel weiterempfehlen:

ANZEIGE Mares

Untergegangen und vergessen – Die Wracks des Seegefechts bei Helgoland von 1914

Donnerstag, 31. August 2017, 09:08

Kleiner Kreuzer SMS Ariadne (Foto: Sammlung Deutscher Marinebund) Erste wissenschaftliche Untersuchungen an vier versenkten deutschen Schiffen in der Nordsee nach über 100 Jahren angelaufen Helgoland. Es war der 28. August 1914, der für vier Schiffe der Kaiserlichen Marine zum Verhängnis wurde. Der Erste Weltkrieg dauerte gerade knapp vier Wochen, als es nahe Helgoland zum ersten größeren Seegefecht zwischen der deutschen und der britischen Flotte kam. Für die Kaiserliche Marine war...

... mehr »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.