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Rubrik: Biologie

Nahrungsnetze der Tiefsee: neue Erkenntnisse dank Videobeweis

Donnerstag, 21. Dezember 2017, 13:35

Die Tiere der Tiefsee werden seit über 100 Jahren systematisch untersucht, und immer noch lernt die Wissenschaft hinzu. Eine neue Studie der MBARI-Forscher Anela Choy, Steve Haddock und Bruce Robison zeigt, dass gallertartige Tiere wichtige Raubtiere sind und liefert neue Informationen darüber, wie Tiefsee-Tiere mit dem Leben in der Nähe der Meeresoberfläche interagieren

Tintenfisch Gonatus berryi

Viele Tiefseebewohner sind Kannibalen. Das Bild zeigt einen Tintenfisch (Gonatus berryi (rechts)), der gerade einen anderen Tintenfisch derselben Art verzehrt (links), Foto: © MBARI 2016

In der Regel finden Biologen heraus, was Tiefsee-Tiere fressen, indem sie Organismen sammeln, sezieren und den Inhalt ihrer Mägen untersuchen. In jüngerer Zeit haben Wissenschaftler diesen uralten Ansatz durch den Vergleich der Verhältnisse verschiedener natürlicher Elemente im Fleisch von Tiefsee-Tieren mit den Verhältnissen dieser Elemente im Gewebe ihren potentiellen Nahrungsquellen erweitert.

Um diese Methoden anwenden zu können, müssen Wissenschaftler eine große Anzahl von Tieren sammeln, was in der Tiefsee schwierig ist. Zudem zersetzen sich weiche, gelatinöse Tiere nach dem Verzehr rasch und werden bei dem Fang mit Netzen oft beschädigt oder zerstört.

Die MBARI-Forscher haben einen völlig neuen, aber relativ unkomplizierten Ansatz gewählt: Mit Tieftauchfahrzeugen beobachteten sie das Fressverhalten von Tieren in der Tiefsee. Robison betont: „Dieser direkte Ansatz ist noch nie systematisch angewendet worden. Im Gegensatz zu anderen Methoden ist es kein Rätselraten und liefert sehr genaue Informationen darüber, wer wen in der Tiefsee frisst."

Seit Ende der 1980er Jahre nutzen MBARI-Forscher ferngesteuerte Fahrzeuge (ROVs), um Tiefsee-Tiere in ihrem Lebensraum zu untersuchen. Dabei haben sie über 23.000 Stunden Tiefsee-Videomaterial gesammelt.

Die Techniker im MBARI Video Lab haben praktisch jede Minute eines jeden ROV-Tauchgangs sorgfältig analysiert, Tiere und ihr Verhalten identifiziert und diese Informationen in die Video Annotation and Reference System (VARS)-Datenbank eingegeben.

Die MBARI-Forscher entdeckten beim Durchstöbern der VARS-Datenbank fast 750 verschiedene Videobeobachtungen von Tieren, die sich gegenseitig fressen.

„Ich war begeistert zu sehen, wie sich unser Verständnis von Nahrungsnetzwerken verändern könnte, wenn wir direkte Beobachtungen des Tiefseelebens mit einem ROV machen", kommentiert Choy. „Das Überraschendste für mich war, wie wichtig gallertartige Tiere als Raubtiere sind und wie sich ihre unerwartet komplexen Ernährungsgewohnheiten über das gesamte Nahrungsnetz erstreckten. Unser Videomaterial zeigt, dass sie als wichtige Raubtiere in der Tiefsee von ähnlicher Bedeutung sind wie große Fische und Tintenfische."

Selbst in Tiefen bis 200 Meter zählten Staatsquallen (Siphonophorae, verwandt mit der Portugiesischen Galeere) und nicht etwa Fische oder Tintenfische zu den in den Videoaufzeichnungen am häufigsten zu beobachtenden Räubern.

Umgekehrt erwies sich eine kleine, aber sehr häufige Staatsquallen-Art, Nanomia bijuga, als Spezialist, der fast nichts außer Krill frisst, und damit im Wesentlichen mit Blauwalen um Nahrung konkurriert.

Wie aus diesen Beispielen hervorgeht, umfassen die Nahrungsnetze der gallertartige Tiere nicht nur Tiefsee-Tiere, sondern auch solche, die in der Nähe der Meeresoberfläche leben. Gallertartige Tiere wurden in den Mägen von Tieren gefunden, die von Pinguinen und Albatrossen bis hin zu bekannten Quallenfressern wie Mola mola (Mondfisch) und Lederschildkröten reichen.

Wie Haddock bemerkt: „Es gibt ein Missverständnis, dass Quallen & Co. nur ein Ärgernis sind und in marinen Ökosystemen keinen wirklichen Zweck erfüllen. Unsere Ergebnisse und andere Studien auf der ganzen Welt zeigen, dass sie eine gemeinsame Nahrungsquelle für eine vielfältige Gruppe von Raubtieren sind. Wechselwirkungen mit gelatinösen Räubern und Beutetieren verursachen den größten Teil der Komplexität, die wir in unserem neuen Tiefsee-Nahrungsnetz sehen."

Beobachtungen mit ROVs bieten eine ganz andere Perspektive auf die Tiefsee-Nahrungsnetze als andere Forschungsmethoden. Doch wie Haddock erklärt: „Unsere Ergebnisse ersetzen nicht die traditionellen Vorstellungen eines Nahrungsnetzes, sondern ergänzen sie. Es ist, als hätten wir eine Transportkarte, auf der nur die Schienen gezeigt werden, aber jetzt können wir den Rest der Straßen und Wege sehen."

Die aktuelle Studie erinnert nicht nur daran, dass die Nahrungsnetze im Meer äußerst komplex sind, sondern auch daran, dass viele Tiefsee-Tiere von Tieren in der Nähe der Meeresoberfläche gefressen werden. Nach der jüngsten Veröffentlichung bilden Tiefsee-Tiere „die wichtigste Futtergrundlage für viele kommerziell wichtige Raubtiere wie z.B. Thunfische", d.h., wer ein Thunfisch-Sandwich zum Mittagessen isst, könnte damit auch Teil eines Tiefsee-Nahrungsnetzes sein …

Infos: www.mbari.org.

Link zur Studie: rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1868/20172116.

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